• katharinasuffak

Adventsgeschichten - Pferd ist Pferd, Kind ist Kind.



Der Wind pfiff übers Dach und zum Stalltor hinein. Die zwei Pferde schauten mich erwartungsvoll an. Ich seufze innerlich. Es ist einer dieser Tage, um ehrlich zu sein, an dem ich etwas fantasielos zu den Pferden ging. Vielleicht auch angesichts dessen, dass es einfach nicht so ein vorteilhaftes Wetter ist um es zu geniessen. Was auch immer einem eben für Gründe in den Sinn kommen… Aber eines habe ich mir dann doch vorgenommen. Sie sollten bewegt werden, denn wir waren diese Woche nicht so viel draussen und über längere Zeit unterwegs. Ich dachte nach: Jodock oder Gulliver reiten. Jodocks Ängstlichkeit draussen und vorallem wenn er geritten wird hat sich ja enorm verbessert, aber an solch windigen Tagen wie diesen, würde es unter Gullivers Leitung wesentlich einfach gehen. Und einfacher gestalten wollte ich es mir dann doch heute.

Also sattelte ich Gulliver. Schon beim Putzen wies er mir mit dem Kopf zum Tor. Ja ich weiss, du willst auf die Weide, Gras essen. Das hat momentan erste Priorität und wenn ich bei Gulliver sage Priorität heisst das, er macht das sehr, sehr deutlich und belässt es nicht einfach mit einem Hinweis mit dem Kopf. Da kann er schon viele, viele Male darauf hinweisen.


Gesattelt und mit Jodock als Handpferd gings los. Gulliver Schritt voran wie ein Güterzug. Jodock sah zu, dass er mithalten konnte. Keine Zeit zum Gucken. Ich weiss sehr wohl, dass Jodock es lieber gemütlich nimmt. Nun wollte ich mal sehen, was die Zwei denn daraus machen würden. Gulliver hatte keinen Sinn für sein Begleitpferd. Er Schritt voran, zielte zum nächsten Gras, ich wies darauf hin, dass wir noch nicht grasen würden und er Schritt weiter in einem recht flotten Tempo.

Ich seufze wieder innerlich. Das Pferd war wohl mit den Gedanken ganz woanders, aber immerhin hörte er so nebenbei noch auf meine Signale. Eine Wohltat war es für mich jedenfalls dennoch nicht.

Jodock fing recht schnell an Gulliver zu stören. Mal da zwicken, mal dort. Das macht er nicht immer, aber vorallem dann, wenn Gulliver einfach zu schnell ist. Gulliver antwortete mit dem Hintern heben als Drohen, legte aber noch einen Zahn zu.

Ich zügelte ihn etwas und wies Jodock es sein zu lassen. Er verlangsamte ungern und ich musste gut abschätzen wieviel ich ihn verlangsamen konnte, denn bei Gulliver kann das eine gegenteilige Wirkung haben auf Dauer und sein Kopf ist da manchmal hart wie Granit. An anderen Tagen hätte ich wohl mehr Energie gehabt, mich der Thematik zu widmen, aber heute, da wollte ich einfach nicht die ganze Zeit damit verbringen.



So wählte ich den nächsten Weg aufwärts. Sollen sie da ihren Dampf ablassen. Ich meine, jetzt wo die Weidezeit vorüber ist, haben sie sicher Freude daran, etwas ihre Energie in Bewegung umzuwandeln.

Gulliver trabte an, ohne Rücksicht auf irgend etwas. Jodocks Versuche ihn zu stören nahmen zu. Einmal stemmte er sogar seine Füsse zu meiner Überraschung in den Boden. Ihr könnt euch ausmalen was dabei das Resulat für mich war.

Ich schaute zurück und begann mich zu fragen ob es da noch andere Gründe für sein Verhalten gäbe.Untergrund zu hart? Eigentlich hat Jodock sehr Freude daran, Dampf abzulassen. Heute wohl eher nicht. Gulliver war in seiner Welt und irgendwann beschloss ich die Komödie abzubrechen und wieder den Weg nach unten anzugehen. Da hat es doch ein Fleckchen Wiese, auf dem sie noch Grasen könnten. Ich mache durchaus Kompromisse.

Gulliver voran, Jodock hinterher und ich als Vermittlung dazwischen. Dann das erste Grün und Gulliver steuerte darauf los, als wären wir nicht da. Ich stand in die Eisen und alles kam zum Halt.


Ich kann euch sagen, ich atmete tief durch um meinen Frust und der Wut nicht ein physisches Ventil zu verleihen.

Es ist doch schon unglaublich. 19 Jahre nun miteinander. Reitkunst, Bodenarbeit ect. Und nun stehen wir da und er hängt sich in die Zügel als ob sein Leben davon abhängen würde und mein Nein ist da nur eine Option.


Ich starrte das Pferd wütend an. Er rümpfte die Nüstern. Jodock schubste mich von der Seite leicht an.

«Es ist einfach unglaublich, uuuunglaublich deine Verbohrtheit» stiess ich hervor. Ich war mir durchaus bewusst, dass ich laut redete, aber irgendetwas anderes fiel mir einfach nicht ein ohne wirklich meine Wut in Taten umzuwandeln.


Am liebsten hätte ich uns einfach zurück teleportiert in den Stall, sie dagelassen und wäre gegangen. Nun standen wir aber am Berg und die Teleportation-Option nicht vorhanden.

Dann führte ich sie zum nächsten Gras und brodelte noch etwas weiter vor mich hin.





Anschliessend fand ich den schnellsten Weg nachhause. Dabei merkte ich, dass ich für Gulliver keine Nettigkeit mehr übrig hatte. Jodock machte seinen Job als Anhängsel gut, aber mein Frust war definitiv auf Gulliver gerichtet. Was für ein Egoist.

Ich grübelte über Lösungen für solche Situationen. Wenn der Frust am grössten ist, ist meine erste Instanz: Ich geh an solchen Tagen gar nicht mehr Reiten. Aber woher will ich wissen, was denn dabei rauskommt? Vielleicht lag es schon an meiner Einstellung... Dann kam der Blick in die Ferne: Wenn ich einen Stall hätte und genügend Weide, könnte ich sie das ganze Jahr über draussen lassen, dann hätten wir vielleicht weniger Grasstress. Habe ich aber nicht und wie überleben es eigentlich andere Pferde ohne Weide und müssen trotzdem nicht so ein Theater machen wie dieses Pferd. Mineralien hat er ja genug und auch Salz und sonstige Unterstützung. Aber eigentlich ist es beinahe jedes Jahr das gleiche seit er fünf ist. Und jeden Tag noch 30min Weiden vor dem Ritt ist auch nicht wirklich eine Lösung, da er zum einen nicht genug bekommt und zum anderen doch einen vollen Bauch hat.

So ging das Grübeln weiter, ohne mich auch nur im geringsten von meinem eigentlichen Problem zu befreien, der Wut.


Ich stallte sie ein und gab mir sehr Mühe, freundlich zu bleiben. Ja, Beherrschung ist was gutes in manchen Situationen. Doch ich merkte schon, dass das eine Maske ist und dass die Buben definitiv merkten, dass da was ganz im Argen ist. Und für mich selber? War es auch nicht schön, ich hatte wirklich kein gutes Stück mehr übrig.


So sass ich dann im Auto und grübelte weiter. Was war eigentlich das Problem? Die Pferde zeigen genau das, was sie nunmal empfinden. Jodock war es zu schnell und auch irgendwie zu stressig. Also zeigte er das. Natürlich kann ich ihn zurechtweisen, doch ich verstand sehr gut, was er meinte. Gulliver hatte nur eines im Kopf und ist trotzdem mitgekommen, nunmal eben auf seine Art. Und an manch anderen Tagen, hätte es mir wesentlich weniger ausgemacht.


Ich beschloss in dem Gefühl der Frustration und Wut einfach mal sitzen zu bleiben. Was für ein unangenehmer Ort. So lieblos und definitiv kein Ortmit viel Raum für Konstruktives. Vor allem mir selber gegenüber ist es absolute Folter.


Ich blieb dabei und langsam tat sich in mir etwas. Ja, die Pferde zeigen was sie zeigen. Und meine Ideen und Verhaltensmöglichkeiten waren gar nicht mal so schlecht.

Mein eigentliches Problem war und ist die Wut und die Frustration. Ich fühlte da noch etwas tiefer hinein. Da kommen einem prompt die Gedanken: Es hätte so schön sein können, aber nein, dies und jenes musste ja sein.


Nunja, schön, für wen? Mich?


Und weiter: Und dann haben die Gäule ja so ein schönes Leben und man zerbricht sich den Kopf darüber, aber trotzdem tun sie dies und das und so weiter…


Hm. Ja, sie zeigen was sie zeigen. Was interessiert sie eigentlich ob ich dies und jenes in meinen Augen für sie tue, wenn die Situation in der sie jetzt gerade Stecken eben zu dieser Reaktion führt. Und ja, ich habe mir das ganze etwas anderst vorgestellt, da gings halt nicht nach meiner Nase.


Aber warum Frust, warum denn der Frust heute. Ich meine nicht, dass Handlung nicht nötig ist. Klar, die Grenzen müssen klar sein für die Pferde und ich hätte auch umkehren können. Die Möglichkeiten sind ja zahlreich, aber warum hat mich denn der Frust gepackt in seinen eisernen Griff und die Welt darin sieht ziemlich dunkel und trostlos aus. Buchstäblich zum davonlaufen. Und das wird nicht besser, wenn man dann noch denkt: Oh, ich sollte nicht so empfinden.


Dann kam eine Erinnerung in mir hoch. Früher, in meiner Kindheit, da war es so gang und gäbe am Sonntag einen Spaziergang zu machen. Und an manchen Tagen, da hatte ich absolut keine Lust darauf. Das war für mich wie Folter. Kaum zu glauben, da ich heute so gerne draussen bin.

Nun, ich fand es einfach tot langweilig am besagten Sonntag. Ich redete natürlich nicht um den heissen Brei und brachte meine Einstellung und meine Gefühle diesem Unternehmen klar zum Ausdruck und zwar auf jedem Schritt. Kurzum eskalierte die ganze Situation und wir landeten alle Zushause, der Haussegen wieder schief. Nun war es mir doch nicht recht, aber ich konnte einfach nicht anders. Es war ein Dilemma.

Und da sass ich nun im Auto, fühlte mein Dilemma von damals und sah das Dilemma meiner Eltern. Zu guter Letzt sah ich mich nochmals den ganzen Ausritt über. Viel mir da etwas auf? Natürlich. Es war das gleiche Prinzip.





Wie es das Schicksal eben so will und es auch gut meinte, stattete ich meiner Freundin am Nachmittag einen Besuch ab. Sie hat zwei Kinder. Ich erzählte ihr oben geschildertes Ereignis und meine Erinnerung. Dazu muss ich sagen, dass meine Freundin sich sehr wohl mit Kindererziehung befasst und auch sehr viel reflektiert.


Sie nickte verständnisvoll und schüttelte dann den Kopf.

«Weisst du, wenn ich eines gelernt habe, dann ist es das, dass es fast unmöglich ist in gewissen Situationen gegen Kinder zu arbeiten. Ja, natürlich kannst du dein Kopf durchsetzen, aber es ist einfach nur anstrengend und es ist absolut niemandem gedient. Ich bin schon der Meinung, dass Kind, Kind bleibt und ich die Mutter, will heissen, ich begegne ihnen nicht auf Augenhöhe in dem Sinn, ich bin nicht der Meinung, dass sie alles tun können und verlange aber auch nicht für alles ihr Verständnis haben zu müssen was ich anbringe.

Es gibt essentielle Dinge die funktionieren müssen, wie z.B. einen Termin wahrnehmen. Na klar. Aber wenn ich spazieren gehen will, der eine ist übermüdet und der andere einfach mitkommen würde, dann habe ich persönlich zwei Optionen parat gemacht: Ich kann den einen mit dem Car mitnehmen oder ich kann es sein lassen und was anderes machen. Aber meinen Kopf durchstieren, weil ich jetzt oder heute spazieren gehen will mit diesen Voraussetzungen, bedeutet einfach Chaos und dann stolpert der Übermüdete in der Gegend herum. Aber für was?»


Ich war etwas baff und irgendwie berührte es mich, dieses Verständnis. Und meine Freundin ist wirklich nicht so gewickelt, dass sie ihre Kinder tun und lassen macht und nicht ab und an mal durchgreift. Nein, wirklich nicht. Aber da ist einfach ein Verständnis für gewisse Situationen und Gegebenheiten. Und der Fakt, das Kinder eben Kinder sind und keine Erwachsene.


Und dass Pferde eben Pferde sind und keine Menschen.

Und dass ich vielleicht in der Vergangenheit daraus geschlossen habe, dass ich mich nicht so verhalten darf und die Reaktion Ärger ist und nun das gleiche bei meinen Pferden anwende.

Aber sie zeigen was sie zeigen. Kinder zeigen was sie zeigen, dass es meine Eltern gut gemeint hätten, existiert da nicht. Mit einer Situation umzugehen, ist eine andere Sache, als frustriert oder ärgerlich darüber zu sein. Damit können Pferde schlichtwegs nichts anfangen. Da dürfen wir uns nach innen wenden.

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